Bilder från min barndom


Bilder meiner Kindheit

Die schwedische Kinderliteratur hat ein Renommee weit über Schwedens Grenzen hinaus. Einige der beliebten Kinderbuchcharaktere wie Pipp Langstrumpf, Madita, Alfons Åberg oder Petterson und Findus um nur paar zu nennen, haben ihren Platz in den Buchregalen in Europa und anderen Teilen der Welt gefunden. Auf einen Blick unterscheiden wir Kinderbücher von der Belletristik für Erwachsene. Ein Kinderbuch hat weniger Seiten und kürzeren Text, weniger Rückblenden und weniger ausführliche Landschaftsbeschreibungen. Sie sind handlungsorientierter und enthalten oft Bilder. Die Charaktere aus den Kinderbüchern, die den Schritt ins Ausland geschafft haben, haben ein persönliches unverwechselbares Aussehen. Es findet sich nur ein Alfons, Pettson und Findus auch wenn deren Namen gelegentlich an die andere Sprachumgebungen angepasst werden. Mit ihrer sichtbaren Gestalt sind die Charaktere der Bilderbücher ein Teil der Kinderliteratur, die heute eine Sonderstellung in Schwedens Literatur einnehmen. Wahrscheinlich beruht das auf günstigen, kulturellen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Faktoren der Gesellschaft. Das 20. Jahrhundert unterscheidet sich durch das Bestreben, allen Kindern guten Lesestoff zu geben. Gleichzeitig haben auch die AutorInnen und IllustratorInnen selbst zum Renommee beigetragen.

Zu den ersten schwedischen Bilderbüchern zählt Barnkammarens bok (1882). Es ist eine Sammlung von Volksreimen und Kinderreimen, die von der Künstlerin Jenny Nyström illustriert wurden. Die sorgfältigen Farbzeichnungen tragen Spuren der Nationalromantik und geben den Alltag und die Spiele am schwedischen Land wieder. Eine ästhetische und künstlerische Absicht lag hinter den Bildern in Barnkammerens bok (Kinderzimmerbuch). Der Gedanke war, ein Buch zu schaffen, bei dem Text und Bild typisch schwedisch waren.
Ein anderes sehr schönes Werk aus der gleichen Zeit ist Ottilia Adelborgs Prinsarnas blomsteralfabet (1894). Alle Buchstaben des Alphabets werden in diesem ABC-Buch durch eine menschliche Blumengestalt personifiziert. Blumen als Kinder und Kinder als Blumen zu malen war in Europa zwischen 19. und 20. Jahrhundert nicht ungewöhnlich. Ernst Kreidolf in der Schweiz oder Walter Crane in Engalnd haben das beispielsweise gemacht. Auch die Bilderbuchkünstlerin Elsa Beskow hat das so gemacht. Ihre Illustrationen zu Kinderliedern komponiert von Alice Tegnér, sie wurden in einigen Heften mit dem Titel Sjung med oss, Mamma! publiziert, sind nicht vergessen. Zu diesen gehören die Bilder der barfüßigen Leberblümchenmädchen, die sich auf einem Hügel wo die Birken noch nicht ausgeschlagen haben vor dem Frühling verneigen. Im gleichen Heft, dem dritten in der Reihe, das 1895 erschienen ist, findet man das Bild eines Kindes, eingewickelt in eine weiche Decke, das seinen Winterschlaf auf einem Weidenzweig hält. Noch wurde das Weidenkind nicht von den wärmenden Sonnenstrahlen geweckt. Als Kind, das in den 1970er Jahren in Schweden aufgewachsen ist, habe ich natürlich die Lieder "Videvisan" und "Blåsippor" gesungen und bewundernd Beskows Bilder dazu angesehen. Die hingen als gerahmte Reproduktionen an den Wänden im Haus meiner Großmutter in Dalarna. Auch im Bilderbuch Blomsterfesten i täppan (1914), in dem erzählt wird, wie im Garten die Gewächse zu Midsommar zu leben beginnen, visualisierte Elsa Beskow menschliche Blumen und Gemüse in einer bunten Parade: Pfingstrosen, Stiefmütterchen, Geißblatt, Glockenblume, Wintergrün, Wollgras, Ackerbohnen aber auch Unkraut. Es steht beim Zaun des Gartens und möchte mit zum Fest.

Elsa Beskow (1874 - 1953) ist eine der stilbildendsten Bilderbuchkünstlerinnen in Schweden. Sie arbeitete in einer Zeit, die in literaturhistorischen Übersichten als erste Glanzzeit der Bilderbücher bezeichnet wird. Die Aufmerkasamkeit richtete sich mehr auf Kinder und deren Lesebedarf. Die Pädagogin Ellen Key beschreibt in Barnets Århundrade (1900) ihre Ansichten über Kinder, Schule und Erziehung. In der Schrift Skönhet för alla (1899) vermittelte sie ihre Gedanken über die ästhetische Bildung für die Menschen und in den Schulen. Ellen Key war eine Freundin der Familien Maartman wie Elsa hieß, bevor sie Natanael Beskow, den Reformtheologen und ausgebildeten Künstler, heiratete. Zeitgenössischer Künstler war  auch Carl Larsson, der mit seinen berühmten Aquarellbildern und Zeichnungen des Familiensitzes Sundborn in Dalarna ein ästhetisches Ideal schuf. Auch Carl Larsson malte Bilder für Kinderzeitungen. Mehrere prominente Künstler haben im Laufe der Jahre für Kinderzeitungen gearbeitet auch Elsa Beskow. Es war Teil der Bemühungen den Menschen und den Kindern guten Lesestoff zu bieten. 

Elsa Beskow hatte eine künstlerische Ausbildung von der Tekniska skolan, der damaligen Kunstfachschule in Stockholm. Sie debutierte 1897 als Bilderbuchkünstlerin mit Sagan om den lilla lilla gummen. Der Text ist sind Reime, mit der Hand auf die Illustrationen geschrieben. Sie sind gezeichnet im Jugendstil mit ruden, dekorativen Rahmen aus typisch schwedischen Pelargonien, Klee, Weiden- oder Birkenzweigen. Das Muster für die alte Dame in Kopftuch und Schürze fand Elsa Beskow in einer Verkäuferin am Markt am Östermalmstorg. Oft standen aber ihre eigenen Söhne Modell für die Kinder in der Bilderbüchern. In Solägget Fantasi och verklighet i Elsa Beskows konst beschreibt Stina Hammar wie die sechs Knaben ihre Mutter stören durften wenn sie arbeitete, aber nicht ihren Vater in seinem Atelier. Die Famile Beskow wohnte in Djursholm wo sie über die große Villa Ekliden des Schriftsteller Viktor Rydberg verfügten. Da gab es kultivierte Blumenbeete, einen Küchengarten und Wiesen auf denen im Frühjahr Leberblümchen und weiße Anemonen wild wuchsen.

Elsa Beskow schrieb und illustrierte gute dreißig Kinderbücher. Viele von ihnen wurden zu Klassikern, die ständig in neuen Ausgaben aufgelegt werden. Natürlich las ich als Kleine die mehr realistische geprägten Bilderbücher über die elternlosen Kinder Petter und Lotta die bei ihren drei Tanten mit unterschiedlichen Farben ihrer Röcke aufwuchsen. Wie elegant die Tanten doch mit ihren bunten Röcken doch waren! Das erste Buch der Serie hat den Titel Tant Grön, Tant Brun och Tant Gredelin (1918). Da wird ein bürgerliches Kleinstadtidyll geschildert, gewiss inspiriert von der eigenen Kindheit der Verfasserin bei ihren Tanten in Storgatan in Stockholm. Elsas Vater starb als sie 15 Jahre alt war. Um die Versorgung sicherzustellen, übersiedelte ihre Mutter zu ihren unverheirateten Schwestern. Diese wurden Vorbilder für die drei Tanten. Das idyllische Kleinstadtmilieu mit dem hellen und freundlichen bemalten Holzhäusern Seite an Seite, ist ein pittoreskes Zeitdokument der Jahrhundertwende um 1900. Das Vorbild könnte Sigtuna oder Trosa gewesen sein.

Elsa Beskow war mit den Fragen der Zeit durchaus vertraut. Sie war eine kluge Briefschreiberin unter anderem an ihren Mann, wenn der sich auf Reisen befand. In den Briefen reflektiert sie über Glaubensfagen, die politische Situation in Schweden und Europa, die Situation der Frauen, Kindererziehung und Schule. Obwohl sie sich gelegentlich selbst als "Bilderbuchschmiererin" bezeichnet, findet sich künstlerische Absicht in ihren Aquarellen. Während in der Erwachsenenliteratur Realismus und Naturalismus einbrachen, hielt sie als Kinderbuchverfasserin an der Bedeutung von Phantasie und Gefühl fest. In den Bilderbüchern Puttes äventyr i blåbärskogen (1901) und Tomtebobarnen (1910) scheint der Anspruch die schwedische Natur wirklichkeitsgetreu zu zeigen, durch. Die Geschichte vom Knaben Putte (in der deutschen Übersetzung: Hänschen) der in den Wald geht um mit zwei Körben Blaubeeren und Preiselbeeren für seine Mutter zu suchen, wurde ein großer Erfolg. Da er keine findet, setzt er sich auf einen Baumstumpf. Er wird vom Blaubeerkönig überrascht, der ihn mit sich nimmt in das magische Land, wo die Beeren groß wie Äpfel sind. Sorgfältig gezeichnete Farbbilder zeigen, wie  Putte auf des Blaubeerkönigs Größe schrumpft, und alles kleine im Wald groß wird: Ameisen, Spinnen, Tannenzapfen, Erika und riesige Farne breiten sich wie ein Dach über ihnen aus. Flinke Blaubeerknaben und ordentliche Preiselbeermädchen in weißen und roten Kleidern und grünen Strümpfen helfen Putte die Körbe zu füllen. Wie die sich nach den Preiselbeeren strecken! Die Bewegungen der Kinder sind klar und glaubwürdig in den Bildern abgebildet. Nach fleißiger Arbeit ist es dann Zeit zu spielen! Zu seiner großen Freude setzen sie Putte auf eine Schaukel aus Spinnennetz und schaukeln ihn so, dass eine rote Mütze wegfliegt. Angelika Nix hat in Das Kind des Jahrhunderts im Jahrhundert des Kindes – Zur Entstehung der phantastischen Erzählung in der schwedischen Kinderliteratur (2002) gezeigt, wie sich in Puttes Geschichte Phantasie und Wirklichkeit mischt. Sie sieht Parallelen zu E. T. A. Hoffmanns phantastischer Erzählung Das Fremde Kind (1819).

Das Verlangen nach Realismus vereint sich auch in Tomtebobarnen mit dem Wissen um die Notwendigket der Phantasie bei Kindern. Als Elas Beskow diese Geschicht über die Miniaturfamilie, die unter den Wurzeln einer Föhre lebt, malte und schrieb, war sie mit ihrer Familie auf einem Sabbatical in Liljendal an der Grenze zwischen Västmanland und Dalarna. Hier konnte sie Detailstudien an den mittelschwedischen Fichtenwäldern machen, die wir in Tomtebobarnen sehen. Getreu aus der Kinderperspektive wendet sie den Blick nach unten wo sie in einer Kombination aus Aquarell und scherenschnittartigen Schwarz-Weiß-Bildern eine idyllische Waldlandschaft zeichnet. Hier helfen die Tomtekinder mit rot-weißen Fliegenpilzkappen ihren Eltern Essen für den Winter zu sammeln. Die Speisekammer wird mit Beeren und Pilzen gefüllt, so dass es genug gibt, um es mit den Kleintieren des Waldes zu teilen, wenn der Schnee dick und weiß liegt. Die Kinder gehen auch in eine Schule, die von einer klugen Eulenfrau in einer Eiche gehalten wird:     

Aber weißt du, dass die Schule größer ist, als du denkst,
für alle Vogelkinder die zur Eulenmutter gehen,
und die Eichhörnchenkinder und Hasen und kleinen Igel,
sie sitzen dort in einer Reihe und hören sehr aufmerksam zu.

Und die Eulenmutter lehrt sie die Geräusche des Waldes zu deuten,
die Laute der wilden Tiere und den Schwingenschlag des Habichts,
und der Lerche fröhliches Gezwitscher und der Krähe heißeres Gekrächz
und sich vor dem Fuchs und der Jäger Fallen zu hüten.

Ja, alles im ganzen Wald lehrt sie sie zu benennen
und alle Vogelsprachen schnell richtig zu verstehen.
Und die Pfade des Waldes und das Moor mit dem Wasser darin,
ja, des Waldes ganze Pflanzenwelt und Geographie.

Aber für tüchtige Tomtekinder gibt es auch Zeit zum Spielen. Köstlich ist die Zeichnung die die Kinder am glänzenden Teich zeigt. Sie sind Freunde mit Fröschen und Fledermäusen, die sie am Rücken mitfliegen lassen. Licht bricht durch die dunklen Bäume im Hintergrund und im tiefen Wasser spiegeln sich die Wipfel der Fichten. Die Kinder stehen im Moos und sehen den Fledermäuse in den Wolken zu. Ein weiteres Beispiel für Spiel ist die Malerei, die Elfen in den Wolken zeigt. Die Tomtekinder und Elfen schauckeln, aber sie sind nicht gleich schwer. Die Elfen sind so leicht! Hinter der Schaukel sieht man zwei graue Felsbrocken mit menschlichem Gesicht. Von allen Bilderbüchern Elsa Beskows ist Tomtebobarnen jenes, das mich am meisten zum Träumen gebracht hat als ich ein Kind war. Ich wünschte mir, auch so schön malen zu können. Ich wünschte mir auch, wenn ich in so einen Wald ging, die kleine Familie zu entdecken. Den Wald kenne ich gut, ich weiß wie er duftet, wie er knarrt von den Nadeln und dem Moos unter den Schuhsohlen.

Die Verbindung von Realismus und Phantasie macht die Bilderbuchkunst Elsa Beskows einzigartig und ihre Bilderbücher zu mehr als Kinderbüchern. Nach Sandra L. Beckett in Crossover Picturebooks, A Genre for All Ages (2012) kann ein Bilderbuch "crossover" sein, also Kinder und erwachsene Mitleser - aus den unterschiedlichen Gründen - gleichermaßen anzusprechen. Oft wird der Begriff für zeitgenössische Bilderbücher und Verfasserschaft von Sven Nordkvist angewandt. Eine Motivation ein Bilderbuch "crossover" zu schaffen ist, von einer zur nächsten Generation von Lesern zu vermitteln. Puttes äventyr i blåbärskogen und Tomtebobarnen sind aus diesem Grund ”crossover”, aber gleichzeitig auch und vielleicht sogar mehr wegen der Zeichnungen vom schwedischen Wald. Die bestehen aus Moosen, Fichtenzapfen, Preiselbeerlaub und der Genauigkeit der Kleintiere in Kombination mit dem Zauber der Geschichte. Da findet sich das nordische Licht, die Gewächse, die Leben bekommen, lachende Steinblöcke, spielende Tomtekinder und Elfen. Diese Landschaft ist vielleicht das wichtigste was Elsa Beskow geschaffen hat, eine Märchenlandschaft an die wir nicht zu glauben aufhören dürfen, nur weil wir erwachsen werden.

Charlotte Vybiral

Wissenschaftliche Literatur:

Solägget Fantasi och verklighet i Elsa Beskows konst
von Stina Hammar, Albert Bonniers Förlag 2002

Das Kind des Jahrhunderts im Jahrhundert des Kindes – Zur Entstehung der phantastischen Erzählung in der schwedischen Kinderliteratur
von Angelika Nix, Rombach 2002

Crossover Picturebooks A Genre for All Ages
von Sandra L. Beckett, Routledge 2013

 

Bilderbücher von Elas Beskow, die im Artikel behandelt werden:

- Sagan om den lilla, lilla gumman (1897) dt.: Das Märchen von der kleinen, kleinen Frau

- Puttes äventyr i blåbärskogen (1901) dt.: Hänschen im Blaubeerwald

- Tomtebobarnen (1910) dt.: Die Wichtelkinder

- Blomsterfesten i täppan (1914) dt.: Blumenfest

- Tant Grön, Tant Brun och Tant Gredelin(1918) dt.: Tante Braun, Tante Grün und Tante Lila