Literatur als Lehrmeister


Plötzlich höre ich ein lautes Geräusch und zorniges Geschrei. Mit bösen Vorahnungen werfe ich einen Blick ins Kinderzimmer. Meine beiden Töchter liegen auf dem Boden, eine im Schwitzkasten der anderen. ”Gib auf!” schreit die eine. Die andere kontert: ”Nie im Leben!” - ”Was um Himmels willen treibt ihr denn?” rufe ich aufgeregt, ”Jetzt reicht es aber, beruhigt euch!” Beide schauen mich verwundert an: ”Aber wir spielen doch nur.” Leicht verwirrt über die Zwei, die jetzt friedlich beieinander sitzen, frage ich, welches Spiel es denn sei, dass sie spielen. ”Wir spielen doch nur die Rauferei von Madita und Läuse-Mia!” kichern sie.

Madita? Ein tolles Buch von Astrid Lindgren. Als ich das Buch damals kaufte, dachte ich nicht im Mindesten daran, welche Ideen meine Kinder durch dieses Buch bekommen könnten. Ich mag Astrid Lindgrens Bücher. Ich habe sie immer sehr kindgerecht und sogar pädagogisch gefunden. Was sie ja sind – auch. Kinder haben nämlich eine ausufernde Phantasie und kommen auf die verrücktesten Einfälle. So wie bei mir, damals.

Als Kind war Madita war eines meiner Lieblingsbücher. Obwohl meine Schwestern und ich nicht gerade die Prügelei nachspielten, wurden wir doch von anderen Geschehnissen aus dem Buch inspiriert. Als ich so ungefähr sieben Jahre alt war, nahm ich einen Regenschirm und stieg aufs Garagendach meines Großvaters.  Die Garage war gar nicht hoch, trotzdem erschrak er ziemlich heftig, als ich plötzlich zu ihm hinab rief: ”Jetzt fliege ich los!” Ich bin natürlich nicht gesprungen. Schließlich hatte ich ja das Buch gelesen. Wieder am Boden musste ich übrigens versprechen, dieses Spiel nicht mehr zu spielen. Ich wechselte dann zu einem anderen Spiel, bei dem ich mir vorstellte, genau so wie Pipi Langstrumpfs Mutter ein Engel zu sein. Wieder stieg ich aufs Dach, dieses Mal auf das meines Elternhauses. Ich kletterte bis zum Giebel hinauf und spielte auf meiner Flöte ”Funkel, funkel kleiner Stern”. Dieses Haus war allerdings sehr hoch und meine Eltern spürten das Herz bis zum Halse schlagen, als sie mich entdeckten und versuchten, mich von dort herabzuholen. Um ehrlich zu sein, hatte ich auch ein bisschen Angst, aber als Pipis Mama kann man das ja nicht zeigen. Nachdem sich nach und nach die Nachbarschaft vor dem Haus versammelte, stieg ich dann doch herab. Störende Erwachsene können einem das beste Spiel verderben.

Manchmal führte die Inspiration dazu, dass wir leichten Unfug trieben. Im Nachhinein war es wohl doch nicht so klug, Seifenwasser kübelweise über dem Boden zu verteilen und dann, so wie Pipi Langstrumpf auf den Bürsten herum zu fahren. Dass es nicht so klug ist, unseren Kater zu Herrn Nilsson machen zu wollen und ihn auf den Schultern herumzutragen, lernten wir ziemlich bald durch seine Krallen. Andererseits war es weniger schmerzhaft, unserer kleinsten Schwester schwarze Punkte ins Gesicht zu malen, so wie Michel es mit seiner Schwester Ida gemacht hatte, und allen Nachbarn mitzuteilen, dass sie die schwarze Pest hatte.

Wir spielten auch Ronja und Birk aus Ronja Räubertochter. Im Buch springen die Beiden über den Höllenschlund. So einen Höllenschlund gab es bei uns in der Birkenstraße nicht, aber einen Straßengraben mit Brennnesseln gab es doch. Ihr könnt euch vorstellen, wie laut wir geschrien haben, wenn wir den Sprung nicht ganz geschafft hatten.

Wir lernten auch Nützliches bei Astrid Lindgren. Zum Beispiel lernten wir bei Kalle Blomquist die Räubersprache. Das ist eine sehr pfiffige Sprachvariante, bei der man jeden Konsonanten verdoppelt und jedes Mal ein o dazwischen einfügt. Kalle wird demnach zu Kok-a-lol-lol-e. Bei meinem komplizierten Namen stimmen jedoch Aussprache und Schreibweise nicht überein. Ich habe mich deshalb dazu entschieden, es zu Schosch-a-non-e-tot zu vereinfachen. Besonders nützlich ist diese Räubersprache, wenn man mit Freunden beisammen ist und nicht will, dass andere verstehen, was man sagt: ”Kok-o-mom-mom, wow-i-ror hoh-au-e-non a-bob!”

Astrid Lindgren war eine große Inspirationsquelle, aber wir lasen auch andere Bücher. Katitzi von Katarina Taikon war eines unserer Lieblingsbücher. Wir zogen bunte Röcke an und tanzten mit Blumen im Haar. In den Katitzi-Büchern (und auch in Grimms Märchen) lernten wir, dass Stiefmütter immer gemein sind. Deshalb schimpfte meine Schwester, wenn sie auf Mama böse war, sehr oft: ”Du bist eine richtige Stiefmutter!” Als das nicht den gewünschten Effekt brachte, wurde meine Schwester noch böser und schrie: ”Du bist die dreizehnte Fee!” Die gewünschte Reaktion blieb, wie man sich denken kann, wieder aus.

Gunnel Lindes Der weiße Stein entnahmen wir die Idee, einen ganzen Tag nicht miteinander zu sprechen. Unsere Eltern liebten dieses Spiel besonders, da wir Schwestern ständig schnatterten.

Mein Lieblingsbuch, als ich Kind war, war Sieben kleine Heimatlose. Eine Kindergeschichte aus Schweden von Laura Fitinghoff. Das handelt von Waisenkindern, die ihr Haus verlassen müssen und über die Berge wandern, um ein neues Zuhause zu suchen. Meine Schwester und ich wickelten unsere kleinste Schwester in Decken und setzten sie auf einen Schlitten. Sie hatte keine Winterkleidung an und es war sehr kalt. Wir hatten uns keine Schuhe angezogen, sondern trugen drei Lagen Wollsocken, um die wir Plastiksäcke geschlungen hatten. Wir waren überzeugt, dass man im 19. Jahrhundert noch keine Schuhe getragen hatte. Sotis – unser Kater – trug ein Seilgeschirr und einen Haarreifen mit Geweih, um möglichst überzeugend eine Ziege spielen zu können. So stapften wir durch den tiefen Schnee im Wald hinter unserem Haus. Die kleine Schwester schrie wie am Spieß, weil es zu kalt war und sie auch nicht gerne auf dem Schlitten saß. ”Ich will nachhause zu Mama!” schrie sie, aber meine Schwester und ich klärten sie auf: ”das geht nicht, liebes Schwesterlein, Mutter ist tot!” Da schrie sie noch lauter. Wir setzten noch einen drauf: ”Wir haben kein zu Hause mehr... und wir arme Kinder müssen hier durch den Wald gehen. Wir haben auch kein Geld und deine Spielsachen haben wir verkauft, um ein Stück Brot kaufen zu können.” Die jüngste Schwester war nun endgültig verzweifelt. Ihre Spielsachen für eine Semmel herzugeben, war einfach zu viel. Die Verzweiflung unserer Schwester störte uns beide älteren Mädchen überhaupt nicht. Schließlich stimmte das mit dem Buch überein und machte die Situation besonders authentisch. Eine besorgte Nachbarin hielt uns an und fragte, warum die Kleine auf dem Schlitten so ungeheuer laut schrie. Die kleine Schwester flüsterte, dass die Mama tot war und wir jetzt nirgendwo mehr wohnen könnten. Die Nachbarin schaute uns und die Spur, die wir vom Haus in den Wald gezogen hatten, misstrauisch an und meinte: ”Die kleine Schwester darf man nicht so erschrecken. Geht heim und zieht euch richtig an.” Meine Schwester und ich sahen uns an und antworteten: ”Ja, aber wir spielen nur!” Typisch Erwachsene, dachten wir und gingen heim. Unsere Mutter war nicht so erfreut, als sie erfuhr, was geschehen war und nahm uns das Versprechen ab, nie mehr wieder dieses Spiel zu spielen. Das machte auch nichts, wir dachten uns viele andere Sachen aus.

Was lernen wir daraus? Kinder werden durch das Lesen breiter gebildet, als wir denken.

Jeannette Bergström

 

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