Jultomten - spred konst till folkhemmet


Wenn ich jetzt als Erwachsene den Wald meiner Kindheit besuche, bemerke ich die Details in der Natur: die Struktur der Kiefernrinden, die knotigen Wurzeln in der Erde, das üppige Moos, Nadeln und Zapfen, Farne und die Formen der Preiselbeerblätter. Das weckt meine Phantasie. Heidelbeeren und herrlich rote Preiselbeeren wachsen da und im Herbst haben wir sie in kleinen geflochtenen Körben gepflückt, genauso wie der Knabe Putte im klassischen Bilderbuch Puttes äventyr i blåbärsskogen (1901 - in der deutschsprachigen Ausgabe: Hänschen im Blaubeerwald). Der Wald, der in meiner Erinnerung wiederentsteht, ist geprägt von einer Naturmystik, die um die Wende zum 20. Jahrhundert entstand. Der Wald ist wie aus einer Geschichte von Elsa Beskow, realistisch in der Wiedergabe der Natur und doch gleichzeitig beseelt und bewohnt von geheimnisvollen Wesen.  

Im Winter war der Wald von Schnee bedeckt und weniger von Märchen und Phantasie erfüllt. Wir fuhren Ski, ein Vergnügen seit Generationen. Der Wald glänzte weiß von tausenden und abertausenden Kristallen die sich in Schichten über die grünen Nadeln gelegt hatten.

Die Naturwesen des nordischen Volksglaubens kommen in verschiedenen Formen in der Kinderliteratur, in Geschichten und Bildern für Kinder vor. Ein paar Klassiker darunter Puttes äventyr i blåbärsskogen haben mein Naturerleben geprägt; hier bereichern sich Wirklichkeit und Phantasie gegenseitig.

Die Wesen des Waldes scheinen vor allem im tiefen Grün des Sommers aufzutauchen. Früh am Morgen oder in der Abenddämmerung zeigen sich gemäß dem Volksglauben die Feen. Sie bewegen sich im Tanz auf den Wiesen, in moosigem Land, an Bächen oder Strömen. Trolle sind mit den Riesen verwandt und können mehrere hundert Jahre alt sein. Nach altem Volksglauben können Trolle auch Menschenkinder stehlen. Es galt zu verhindern, dass Trollmutter oder Trollvater ihre widerspenstigen Trollkinder gegen schönere Menschenkinder austauschen. Ein Künstler der Anfang des 20. Jahrhunderts Trolle malte ist John Bauer. Er bekam den Auftrag die Sammlung von Sagen Bland tomtar och troll, die 1907 zum ersten Mal erschien, zu illustrieren.

John Bauers Sagenillustrationen zeihen Trolle mit Formen, die mit der Waldlandschaft zusammenfallen: dunkel und krumm scheinen die Trolle direkt aus moosbewachsenen Steinen entstanden zu sein. Als Kontrast dazu erscheinen helle, nahezu strahlende und mehr menschliche Gestalten: eine zarte Prinzessin, ein tapferer Ritter oder ein Hirtenjunge brechen durch die dunkelgrünen Töne und unterstreichen dass Trolle eben Trolle sind.  

Für die Geschichte ”Bortbytingarna” geschrieben von Helena Nyblom für Bland tomtar och troll im Jahr 1913, hat Jon Bauer eine Zeichnung geschaffen in Aquarell und Gouache, die Prinzessin Bianca Maria mit langem, lockigem goldfarbigem Haar in weißer Kleidung an einem Mittsommerabend zeigt. Sie ist am Weg zum Mittsommerball der Trolle, um sich mit ihrem zukünftigen Mann zu treffen. Die Hochzeit findet nur nie statt - Bianca Maria ist eine Prinzessin und kann keinen Troll heiraten. John Bauers Illustrationen in Bland tomtar och troll war Teil einer neuen schwedischen Kunst, die um die Jahrhundertwende Form annahm. Vorher war Kunst ein Privileg für die Kirche, den Hof und die Aristokratie, aber durch eine verbesserte Drucktechnik konnte, Kunst einen größeren Teil des Volkes erreichen. Es wurde möglich, dass Publikationen in Farbe erschienen. So verbreitete sich Kunst durch Massenauflagen von Kalendern und Weihnachtszeitschriften.

Jultomten ist ein Beispiel für Zeitschriften, die reproduzierte Kunstwerke in die Schwedischen Wohnungen brachten. Die erste Nummer erschien 1891. Es war die Weihnachtszeitschrift der Schulkinder und konnte vom Büro der schwedischen Lehrerzeitschrift für 25 Öre erworben werden. Die Volksschullehrer im ganzen Land organisierten die Distribution. Mit einer Ausgabe pro Jahr bis 1934, rechtzeitig zu Weihnachten, enthielten die Hefte illustrierte Geschichten, Lieder, Spiele und Rätsel. Die erste Nummer wurde nur schwarz-weiß gedruckt, aber die Umschläge der Ausgaben von 1892 und 1893 hatten schon handkolorierte Details in Rot. So langsam konnte die Zeitschrift in Farbe gedruckt werden. Die Redakteure waren Emil und Amalia Hammarlund, zwei Enthusiasten, die Ende des 19. Jahrhunderts daran arbeiteten, unter allen schwedischen Kindern gute Lesegewohnheiten zu verbreiten.

Etablierte Schriftsteller wie Verner von Heidenstam, Selma Lagerlöf und Zacharias Topelius trugen Texte dazu bei. Ein wiederkehrendes Element waren Gesundheitsregeln für Schulkinder, was mit der pädagogischen Linie der Zeitschrift in Einklang war. Das für Kinder war typischer Lesestoff dieser Zeit. Körper und Kleidung sauber zu halten, die Zähne zu putzen und keinen Schmutz ins Haus zu bringen und nicht auf den Boden zu spucken (dafür gab es eigene Spucknäpfe), darauf wurde hingewiesen. Stadtkindern wurde geraten sich vor die Tore der Stadt zu begeben und mit eigenen Augen und Ohren die freie und göttliche Natur zu erleben. Die Kinder sollten sich nach der Jahreszeit, dem Wetter und der Arbeit kleiden. Die Kleider sollten die Bewegung nicht behindern und lose sein. Bewegung und Aktivität waren nicht nur die effektivste Sache, um den Körper in physisch guter Form zu halten, so konnte man sich auch in der kalten Jahreszeit warmhalten.    

Eines der Hauptziele der Zeitschrift war es die Phantasie der Schulkinder anzuregen. Die Auswahl der IllustratorInnen für Jultomten war eine künstlerische Anstrengung von Rang. Elsa Beskow und John Bauer trugen mit Zeichnungen in vielen Nummern dazu bei. Nach und nach gab Einar Nerman in den 20er und 30er Jahren, der Zeitung eine moderneres Aussehen gaben.  Ausgesucht war auch Jenny Nyströms Zeichnung zu John Johnsons Geschichte mit dem Titel ”Far och mor” – berättelse för de små, in der ersten Ausgabe. Der Text beschreibt zwei Kinder, einen Knaben und ein Mädchen, die beste Freunde sind.  Sie sind Nachbarn und wohnen in zwei gleichen, roten Häusern, von denen eines hinter den Kindern, die Hand in Hand auf einer Sommerwiese stehen, abgebildet ist. Das Mädchen mit hellen Locken hat ein kariertes Kleid mit weißer Schürze und Schnürschuhe an. Der Bub ist ebenfalls blond und steht dort mit der anderen Hand in der Hosentasche. Auf der Wiese wachsen weiße Blumen und eine Birke. Beim Haus im Hintergrund wächst Flieder. Nach dem Text haben die Kinder ein Spielhaus in dem sie gerne miteinander spielen und es wird angedeutet, dass sie Vater und Mutter genannt werden. Das Spielhaus wird als einfach eingerichtet beschrieben: ein ungehobeltes Brett als Tisch und ein Sofa aus Stein und Moos. Die Leser erfahren auch, wie fleißig die Kinder sind. Der Knabe, im Text Hans genannt, kann das 1x1. Das Mädchen, mit Namen Greta, hilft der Mutter bei der kleinen Schwester, sie kann nähen und  fast schon am großen Webstuhl helfen. Die Moral ist, dass wenn die Zeit gekommen ist, die Kinder sich ein eigenes Heim außerhalb des Spiels einrichten werden können. Die Kinder fungieren damit als gutes Beispiel für die jungen Leser. Zufrieden mit dem Los, dankbar, hilfsbereit und großzügig zu sein, sind positive Eigenschaften, die von den Texten der Zeitschrift gefördert werden. Schön ist auch Jenny Nyströms Aquarell „Barnglädje“ das in der Ausgabe von 1896 erschien. Hier hat die Künstlerin das Spiel der Kinder und die Freuden eines Frühlingstages eingefangen und wiedergegeben.

Die Umschlagsbilder des Jultomten zeigen die Figuren, die der Zeitschrift ihren Namen gaben, viele von ihnen sind mit „J.N.” signiert, Jenny Nyström. Ihre Kunstwerke haben mit Sicherheit dazu beigetragen den Tomte so bekannt zu machen. Heute vermittelt er ein Gefühl von Nostalgie und Weihnachtsfrieden. Durch die Jahre zeigen die Covers große Veränderungen und beweisen den Einfallsreichtum. Ein Bock ist 1893 vor den Schlitten gespannt, im Jahr darauf sind es zwei Hähne mit rotem Kamm und Glocken um den Hals. Füchse und Schwäne haben Tomtes Schlitten auf späteren Titelbildern gezogen und in einem Jahr kam Tomte mit einem großen Elefanten und auf ihm reitend.

Die Weihnachtsabende meiner Kindheit sind mir als weiß in Erinnerung. Unter den Winterjacken hatten wir Festtagskleidung und Wollstrumpfhosen an. Wir sollten nicht im Schnee spielen sondern gingen zur Weihnachtsmesse. In der Kirche las der Pfarrer von Jesu Geburt, von Josef und Maria, die in der Herberge in Bethlehem keinen Platz fanden. Wenn es am Heiligen Abend keinen Schnee gab, hatte ich ein merkwürdiges Gefühl nach Frühling und das war seltsamer als mit Festtagskleidung mitten im Winter auszugehen.

Jenny Nyström war eine der meistgeliebten Illustratorinnen in Schweden. Ihre klassischen Motive von Kindern und Jultomten sind populär bei Generation um Generation. Nyström wurde in Kalmar geboren und lebte von 1854 bis 1946. Sie hatte eine gediegene Ausbildung auf Kunstschulen in Göteborg, Stockholm und Paris. Sie war sehr produktiv. Mit ihren Aufträgen konnte sie ihre Familie, die aus ihrem Mann und ihrem Sohn bestand, versorgen. Zu ihren Produktionen gehörten auch Weihnachtskarten, zu denen die Künstlerin auf einer Parisreise inspiriert worden war. Die Figuren des Tomte sind in ihrem Werk nicht immer gleich, ihr Stil entwickelte sich im Lauf der Jahre. Überzeugend bei den Covers, die Jenny Nyström für die Weihnachtszeitschrift zeichnete ist die geringe Größe des Tomte, er ist kaum größer als ein Kind. So verstärkt sie das Faktum, dass er der Freund der Kinder ist. Das ist aber auch eine Erinnerung an das Wesen im nordischen Volksglauben, das zum Teil das Vorbild war: den Gårdstomte. Aber der kann sauer und böse sein, wenn ihn die Menschen nicht gut behandeln. Das Hausvolk darf nicht vergessen, Gaben für den Gårdstomte bereitzustellen als Dank dafür, dass der sich um Vieh und Stall kümmert. Böse Streiche gibt es beim Jultomte nicht, stattdessen kommt er mit Gaben für alle Kinder, die brav und folgsam waren!

Schriftsteller haben über Tomte auf verschiedenste Art geschrieben. Einer von ihnen, Viktor Rydberg, hat ein gereimtes Gedicht in elf Strophen über den Haustomte geschrieben, der in der Winternacht über Mensch und Tier wacht. Das Gedicht wurde erstmals in  Ny Illustrerad Tidning im Jahr 1881 veröffentlicht. Auch wenn es jetzt zu einem Gedicht über Weihnachten geworden ist, hat es gleichzeitig einen philosophischen Inhalt über das Ziel und Bedeutung des Menschenlebens. Tomtes Gedanken werden durch praktische Arbeiten im Garten unterbrochen. Hier ist doch ein Gårdstomte und kein Jultomte beschrieben, auch wenn sie sich im Aussehen gleichen. Der Tomte in Viktor Rydbergs Gedicht hat einen Bart, ist grau gekleidet und trägt eine Mütze am Kopf. Er ist alt und hat im Garten Generationen kommen und gehen gesehen. Mit Sanftmut geht er im Mondschein herum und kümmert sich um schlafende Menschen und Tiere. Die erste Strophe des Gedichts lautet:

Midvinternattens köld är hård,
stjärnorna gnistra och glimma.

Alla sova i enslig gård 
djupt under midnattstimma.

Månen vandrar sin tysta ban,
snön lyser vit på fur och gran,
snön lyser vit på  taken. 

Endast tomten är vaken.

Der Mittwinternacht Kälte ist hart,
Sterne glitzern und glimmen.

Alle schlafen auf dem einsamen Hof
tief zur Mitternachtszeit.

Der Mond wandert seine stille Bahn,
Schnee glänzt weiß auf Föhren und Kiefern,
und der Schnee glänzt weiß auf dem Dach..

Nur der Tomte ist wach.

Wahrscheinlich gehört der schwedische Jultomte in den gleichen Märchenwald wie Elfen und Trolle. Schriftsteller, Dichter und Künstler haben dazu beigetragen, dass der Jultomte zu dem wurde, was er ist. Als Kinder haben wir darüber gerätselt, was der Tomte wohl im Sommer macht. Jultomte gehört dem Winter an, er ist des glitzernden, weißen Winterlandes eigene Geschichte. Gut, dass wir ihn haben, denn ohne Jultomte würde sich der Winter in den Geschichten leer anfühlen.

Charlotte Vybiral

 

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